Ausweg aus der Unterdrückung

Im letzten Artikel ging es um die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Wir haben gelernt, dass der Zustand von Depression ein in früher Kindheit angelegtes Notprogramm des Körpers (des Nervensystems) ist: Wut, also das Äußern von Bedürfnissen, wurde unterdrückt, um die Verbindung zu den Eltern zu retten. Biologisch bedeutet das: Der dorsale Vagus wurde aktiv und hat einen Ohnmachtszustand ausgelöst, in dem man seine Bedürfnisse (seine Wut) nicht mehr spürt. 

Weil sich das Nervensystem aufbauend auf diesen ganz frühen Bindungserfahrungen entwickelt, wurde der Ohnmachtszustand zu einer Art Brille, durch die wir fortan das ganze Leben lang die Welt sehen - solange wir uns dessen nicht bewusst werden. 

Im Laufe der Bewusstwerdung kommt diese Wut nach und nach hoch. Da wir nun aber wissen, dass sie gesund ist und dass wir diese Energie brauchen, um ins Handeln zu kommen, beginnen wir, sie mit neuen Augen zu sehen: Wir lernen, Nein zu sagen, ohne Schuldgefühle zu bekommen. Wir lernen zu erkennen, was uns gut tut und was nicht, und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Die Energie, die vorher blockiert war, kommt langsam ins Fließen. Vielleicht aber fühlt man sich trotzdem noch innerlich leer und stellt sich die Frage: Was soll ich tun auf dieser Erde? Womit diene ich mir selbst, aber auch allen anderen?

 

Schauen wir uns an, wie wir Menschen hier leben, so sehen wir viele Konflikte und viel Leid. Dieses Leid entspricht einem Gefühl von Trennung, von Unsicherheit. Obwohl die meisten von uns hierzulande genug zu essen haben, ein Dach über dem Kopf und viele Konsumgüter, leiden wir seelisch. Warum ist das so? Was brauchen wir wirklich?

 

Wir Menschen sind im Grunde Säugetiere. Als solche sichern wir unser Überleben vor allem durch eines: soziale Beziehungen. Darauf ist unser Nervensystem ausgelegt: Durch den ventralen Vagus sind unser Herz und unsere Lunge mit den Gesichtsmuskeln, über die wir unsere Gefühle kommunizieren, verbunden. Durch freie soziale Interaktion bewirkt dieser Kreislauf die Regulation unseres Körper-Geist-Systems in einen Modus von Entspannung, Regeneration und Klarheit.

 

Entspannung, Regeneration und Klarheit - klingt gut, oder? Eben. All das gehört zusammen. Wie kommen wir dahin zurück? Indem wir uns genauer anschauen, was "freie soziale Interaktion" eigentlich heißt: ehrlicher Austausch mit anderen. Wir teilen uns einander mit. Es gibt ein vergessenes Gesetz, dass das, was ehrlich kommuniziert wird, sich sofort auflöst. Entscheiden wir uns in unseren Beziehungen für diesen Weg, entsteht das Bewusstsein, dass wir nicht die Zustände (Empfindungen, Gefühle, Gedanken) sind, die wir erleben. Diese Zustände sind Energie, die wir festhalten und nicht aussprechen, aus Angst davor, was sie über uns aussagen. Doch vielleicht sagen sie gar nichts über uns aus? Sie auszusprechen, befreit uns jedenfalls und schafft gleichzeitig Verbindung (Nähe) zu den Menschen in unserem Leben. 

Ein Beispiel (frei zitiert von Gopal aus Dresden): Es ist egal, ob ich jemandem sage: "Ich liebe Dich" oder "Ich hasse Dich" oder "Du bist mir völlig egal" - als momentaner, ehrlicher Ausdruck erzeugt all das exakt das gleiche Maß an Befreiung und Nähe. 

 

Warum ist es dennoch so schwer, sich ehrlich mitzuteilen? Erinnern wir uns an die Bedeutung früher Kindheitserfahrungen: Hier hat unser Nervensystem gelernt, unsere Empfindungen und Gefühle zu unterdrücken, um die Verbindung nicht zu verlieren. Daher ist das ehrliche Mitteilen mit Lebensgefahr verschaltet! Dies macht natürlich im Erwachsenenalter keinen Sinn mehr, weil unser Überleben nicht davon abhängt, ob sich bestimmte Menschen von uns abwenden oder nicht. Entscheidend ist nur, dass wir überhaupt mit Menschen in Verbindung sind. Entscheiden wir uns für diesen Weg, erleben wir, dass unsere Beziehungen zu uns selbst und anderen umso tiefer und sicherer werden, je ehrlicher wir uns mitteilen. Wir erleben tiefe Entspannung, Glück, Meditation. 

 

Fazit: Das ehrliche Mitteilen ist ein wichtiger Schlüssel zur individuellen und zur kollektiven Heilung. Wir müssen uns trauen, unsere Herzen immer wieder einander zu öffnen. Jedes Mal bricht dann der Bann. Jedes Mal lichtet sich der graue Schleier vor unseren Augen, und es kommt Klarheit in unser Leben. 

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