Die Biologie der Depression

"Polyvagaltheorie"? Klingt nicht gerade weltbewegend. Doch hinter diesem Begriff liegen neue, wertvolle Einsichten in die Natur unseres Nervensystems. Sie beschreiben quasi das biologische Fundament unseres Fühlens und Denkens (unserer Psychologie). 

Die Polyvagaltheorie bezieht sich auf den Vagus. Dies ist der Haupt-Nervenstrang des parasympathischen Nervensystems (kurz "Parasympathikus"). Die Schulmedizin ist geprägt von der Vorstellung, der Sympathikus stehe für Kampf- und Fluchtverhalten, also stressbedingte Aktivität, während der Parasympathikus (mit dem Vagus als Hauptnerv) für Prozesse von Heilung, Gesundhaltung und Beruhigung stehe. 

 

Das ist nur teilweise richtig. Der Vagus steht nämlich ebenfalls für einen sehr alten Verteidigungsmechanismus, den es evolutionär betrachtet schon seit dem Reptilienstadium gibt: den "Shutdown" (Erstarrung). 

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Wie Stephen Porges, der Begründer der Polyvagaltheorie, erklärt, besteht unser Vagus aus zwei verschiedenen Kreisläufen: dem ventralen (vorderen) Vagus - man könnte ihn "Wohlfühl-Vagus" nennen - und dem dorsalen (hinteren) Vagus, der zum Beispiel dann aktiv wird, wenn sich unser Organismus bedroht fühlt bzw. unerfüllte Bedürfnisse hat UND entscheidet, dass Mobilisation (Kampf oder Flucht) nichts bringt. Es kommt dann zur Unterdrückung der Kampf-Flucht-Energie und zum Anfall von Ohnmacht, dem Shutdown. All das macht das Nervensystem natürlich autonom, das heißt ohne unser bewusstes Denken - der Körper entscheidet es für uns. 

Nun ist es wichtig zu wissen, dass unser autonomes Nervensystem sich erfahrungsabhängig entwickelt. Als Säugetiere und speziell als Menschen sind wir in den ersten Lebensjahren extrem verwundbar. Unser Überleben hängt vollkommen von der Fürsorge der Menschen, die uns umgeben, ab. Für die Verbindung zu unseren Eltern opfern wir im Notfall fast alles. Führt zum Beispiel das Ausdrücken meiner Wut dazu, dass die Eltern die Verbindung kappen (sich physisch oder emotional entfernen), wird mein Körper in dieser Notsituation lernen, die Wut mittels des dorsalen Vagus zu unterdrücken, weil sonst Lebensgefahr besteht. Hier greift der Totstell- bzw. Ohnmachts-Reflex.

Als Baby bzw. Kleinkind war es eine weise Entscheidung meines Körpers, meine Wut zu unterdrücken, weil ich damit die Verbindung zu meinen Eltern stabilisieren und mein Überleben sichern konnte. Diese Prägung aber ist nun in meinem Nervensystem als Standard-Lebenseinstellung und -Reaktionsmuster gespeichert - ohne dass ich mir dessen bewusst bin! Dies hat später fatale Folgen. Denn meine Wut brauche ich im Leben für so vieles: um meine Grenzen ziehen zu können, um mich einzusetzen für mich, für andere oder für eine bestimmte Sache. Um zu erkennen, was ich will und was ich nicht will. 


Meine Wut gäbe mir Orientierung! Mit meiner Wut könnte ich handeln und gestalten! 

Die Polyvagaltheorie zeigt uns also, welche tiefen körperlichen Ursachen für das Stimmungsbild der Depression verantwortlich sind. Und was noch wichtiger ist: Sie eröffnet Einsichten, wie wir uns daraus befreien können. Darum geht es im nächsten Artikel, Ausweg aus der Unterdrückung

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