Die verleugnete Wut

Wie denkt jemand, der depressiv ist? Es erscheint ihm alles sinnlos, und so lässt er sich im Leben eher von äußeren Umständen und Zufällen leiten als von eigenen Vorhaben. Er hat eigentlich gar keine Vorhaben: Die Welt, die ihn umgibt, ist schlecht und er passt hier einfach nicht hinein. Vielleicht kann er sogar ziemlich genau sagen, was sich ändern müsste, damit es besser wäre: Ehrlicher Austausch. Mehr Gemeinschaft. Fokus auf die echten Bedürfnisse anstatt auf Status und Geld. 

Er könnte ja einfach damit anfangen, diese Prinzipien im eigenen Leben umzusetzen... aber immer wieder überkommt ihn dieses Gefühl von Aussichtslosigkeit und der Gedanke, dass "eh alles keinen Sinn macht". Warum ist das so?

Tatsächlich ist der Zustand von Depression eine unbewusst erlernte Reaktion unseres Autonomen Nervensystems. Unser Nervensystem entwickelt sich weitgehend in der frühen Kindheit, und zwar abhängig von den Erfahrungen, die wir mit unseren Bezugspersonen machen. Konnten die Eltern mit unserer Wut nicht umgehen, haben wir unbewusst die Entscheidung getroffen, sie zu unterdrücken, um die Verbindung zu ihnen nicht zu verlieren. (Das Wort „Depression“ entstammt dem lateinischen depressio = Niederdrücken.)

 

Während die Symptome wie Lustlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Traurigkeit im Kindes- und Jugendalter oft noch als harmlose Charaktereigenschaften abgetan werden („Der ist halt faul / zerstreut / ein melancholischer Träumer“), wird das Problem im Erwachsenenalter unübersehbar: Es gibt keinen Antrieb, das eigene Leben zu gestalten und man will im Grunde von allem und jedem in Ruhe gelassen werden. 

Doch es gibt eine Lösung. Und die ist in dem zu finden, was damals unterdrückt werden musste und seitdem nur noch verleugnet und verzerrt zum Ausdruck kam: unserem grenzenlosen Hass, unserer Wut auf alles und jeden. In dieser Wut, dieser Aggression liegt unsere zentrale Kraft, das Leben zu gestalten und in der Welt zu wirken. (Auch hier verrät uns die Wortherkunft, worum es wirklich geht: Aggression <- lat. adgredi = herangeheneine Gelegenheit ergreifen; versuchen.)

 

Wenn wir erkennen, dass wir sie verdrängt haben: Wie können wir uns unserer Wut wieder annähern, um herauszufinden, was wir wirklich wollen? Wie können wir sie ehrlich und nicht-zerstörerisch zum Ausdruck bringen? Wie können wir sie als Treibstoff nutzen, um uns zu schützen, zu entscheiden und das zu erschaffen, was wir uns wünschen?

 

Anregungen dazu geben diese drei Audios:

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